Christian Kaiser – Ein Bad in der Kunst


Christian Kaiser – Ein Bad in der Kunst

Der kleine Ausstellungsort zum Eintauchen! Sind Sie der nächste Kunst-Badegast?

28.5.2020  – 12.9.2020 „EinMachGlasGeschichten“ – eine temporäre Kunstinstallation im Bad in der Kunst
Öffnungszeiten, Performances Ende August und Mitte September, und weitere Informationen:  scrollen Sie bitte nach unten.

Zum Corona-Schutzkonzept:
Eine Anmeldung ist willkommen, damit wir die Performances gut organisieren können.
Tragen Sie sich anlässlich Ihres Besuches bitte in der aufliegenden Anwesendenliste ein.

 

Ein Bad in der Kunst Christian Kaiser

Ein Bad in der Kunst Christian Kaiser

Ein Bad in der Kunst Christian Kaiser

Christian Kaiser, Die LichtDusche, Installation mit 100 Lichteindrücken aus dem Kloster Odilienberg im Elsass, Lichterkette, Einmachgläsern und Kerzen in der Duschkabine, in der Ausstellung EinMachGlasGeschichten. Culturart Tiziana Carraro 2020.

 

Christian Kaiser, TripTriptychon, Installation in der Ausstellung EinMachGlasGeschichten, 2020

 

 

Christian Kaiser, Schnee von gestern, Installation in der Ausstellung EinMachGlasGeschichten, 2020

Christian Kaiser, RepoLeporello (Mitte), Installation in der Ausstellung EinMachGlasGeschichten, 2020

 

 

Performances mit Christian Kaiser

Fr 28. + Sa 29.8.2020 je ab 17.30 Uhr
und
Fr 11. + Sa 12.9.2020 je ab 17.30 Uhr

Lesungen und Beschwörungen, Gänge (virtuell und physisch) mit Christian Kaiser

AUSSTELLUNG 28. Mai – 12. September 2020

Öffnungszeiten über Pfingsten:
Do 28. Mai 2020   18.00 – 20.00 Uhr,
Fr 29. Mai 2020 bis Mo 1. Juni 2020: 14.00 – 20.00 Uhr

Öffnungszeiten 2. Juni 2020 – 9. Juli 2020
Di und Do 18.30 – 21.00 Uhr
Der Künstler ist anwesend an allen Terminen ausser  16. – 25. Juni 2020 und 7. Juli 2020

Öffnungszeiten 10. Juli 2020 – Ende Ausstellung
nach Absprache: mailen oder telefonieren Sie, wir machen Ihren Besuch gern möglich und freuen uns auf Ihren Besuch!

Besuch
Die Ausstellungsräumlichkeit ist naturgemäss klein, aber fein! Es ergeben sich deshalb allenfalls Wartezeiten, wenn gleichzeitig mehr als vier bis fünf Personen den Ausstellungsraum betreten möchten.
Es gelten die allenfalls anzupassenden Schutzkonzept-Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus.
Händedesinfektionsmittel und Masken sind bei Bedarf für Sie vorhanden.

Eintritt
Es wird kein Eintritt erhoben. Wer will, kann einen freiwilligen Betrag für den Künstler spenden.

 

Christian Kaiser, Gehdichter und Künstler

BotanikLyrik im Garten und

EinMachGlasGeschichten im „Bad in der Kunst“

Christian Kaiser, EinMachGlasGeschichten, „im Schilf gestanden“, am Haidersee, Südtirol,, Polaroid, 2019

BotanikLyrik im Garten und EinMachGlasGeschichten im Kunstbad

In Tizianas Garten steht das grösste Exemplar einer Kornelkirsche, das ich je gesehen habe. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, und so reifte der Entschluss, diesem seit Urzeiten besungenen mythischen Baum und seiner feinen Umgebung eine Hommage zu widmen. Wenn er in der Blüte steht. Kombinieren will ich die BotanikLyrik-Lesung mit EinMachGlasGeschichten – verdichteten Erinnerungen an intensive Momente in der Natur. Das Thema ist das Behaltenwollen und Erinnernkönnen, es wird zum Inhalt der Einmachgläser.

Immer ist das zu Bewahrende auch von Verlust bedroht: Vergessen, Verwesen, Alter, Fortschritt oder auch der Klimawandel gehen ans Eingemachte. Diese EinMachGlasGeschichten widmen sich dem Schnee von gestern – im wörtlichen und übertragenen Sinn. Sie erzählen vom Winter, der vielleicht schon bald der letzte war, und seiner konservierenden Kraft, von Samenständen und Stauden, die vom Schnee gerahmt als Sommerrelikte überdauern, und die tiefgekühlten oder getrockneten Pilze berichten immer vom letzten Herbst. Das Kunstbad wird zum Erinnerungskabinett.“ Christian Kaiser silbenbilder.ch

 

Christian Kaiser, „mehr als einen Pfifferling wert“, Direktdruck mit Schwammerln, 2019

Leider holte uns die Coronavirus-Entwicklung ein:
Die Lesung und die Vernissage am Samstag, den 14. März 2020, fand nicht statt.

Da aber die Kornelkirsche wunderbar blüht, die Geh-Dichtungen in die Welt hinaus möchten, und Sie erwartungsvoll der Lesung entgegenfieberten, bieten wir Ihnen diese hier an. Wir sind glücklich, Ihnen auf diesem Weg die Lesung zugänglich zu machen.

Am Samstag, den 14. März 2020, fand wegen der Ausbreitung des Corona-Virus  die Lesung von Christian Kaiser ohne Publikum statt. Die filmische Aufnahme dieser Lesung möchten der Dichter und ich sehr gern allen zur Verfügung stellen, die sonst gerne live dabei gewesen wären. Der Künstler glaubt fest an die heilende Wirkung der Dichtung und der Kunst.

Hier ein Einblick in das Bad in der Kunst:

Die Lichtdusche, eine Installation von Christian Kaiser mit Fotografien aus dem Kloster Odilienberg im Elsass, Lichterkette, Einmachgläsern und Kerzen in der Duschkabine. Culturart Tiziana Carraro 2020.

 

Christian Kaiser EinmachGlasGeschichten

 

 

 

AUSSTELLUNG 28.5.2020 – 12.9.2020

Der Künstler ist anwesend nach Absprache.

Öffnungszeiten 10.7.2020 – Ende Ausstellung

nach Absprache

 Besuch

Die Ausstellungsräumlichkeit ist naturgemäss für Einzelne oder Kleinstgruppen geeignet. Es ergeben sich deshalb allenfalls Wartezeiten.

Eintritt

Es wird kein Eintritt erhoben. Wer will, kann einen freiwilligen Betrag für den Künstler spenden.

Medienspiegel

Hier finden Sie eine Besprechung der Ausstellung:

Christian Kaiser – Gallispitz Artikel Dieter Langhart

Christian Kaiser als Autor

Artikel in „KUNSTFORUM Intern 266 März – April 2020“:

 

Die Kunst des Gehens - Christian-Kaiser

Die Kunst des Gehens – Christian-Kaiser

 

Peripatetik
war schon immer ein
SchreibenGehen

GEHENDE SCHREIBER UND SCHREIBENDE GEHER
STEHEN IN EINER LANGEN LITERARISCHEN,
PHILOSOPHISCHEN UND SPIRITUELLEN TRADITION

von Christian Kaiser

 

Dieser Essay widmet sich den gehenden Schreibern respektive den schreibenden Gehern – all jenen, die das Gehen als wichtigen Teil des Schreibprozesses genutzt haben und nutzen. Wer das SchreibenGehen praktiziert, will die Sprache in Gang bringen, ein Zwiegespräch mit sich selbst führen oder auf Ideen und zum Stoff kommen. Denn: Gehen setzt Gedanken in Gang und mit ihnen auch die Sprache als Instrument des Denkens. Bis in die Neuzeit sind viele Dichter und Denker gegangen, um zum großen Gedankengang zu kommen: Montaigne, Rousseau, Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche, Woolf, de Beauvoir und andere mehr. Ob spazierend, flanierend, wandernd oder ziellos umherschweifend – los(zu)gehen ist auch ein Denkengehen und für viele eben auch ein Schreibengehen.

 

1.
SPRACHE IN GANG SETZEN

Carl Zuckmayer etwa spricht von „Gehdenken“ oder „Gedankengehn“, erst das Gehen ermögliche die „Gedankenarbeit“ und diese sei ein „Freistildenken“ ein „Catch-as-catch-can“ von Körper, Geist und allen Sinnen: „Der Denkbeginn, das freie unabhängige Vor-sich-hin-Denken,das wache Aufspüren unerwarteter Denkfährten, geht wohl am besten, wenn auch der Körper geht.“1
„NUR DIE ERGANGENEN GEDANKEN HABEN WERT“

Die Gehdenker und Gehschreiber nenne ich Peripatetiker, ihre Technik die peripatetische Methode. Peripatetisches Spazierengehen ist ein Gang zurück zu den Wurzeln; zu den evolutionären, als der aufrechte Gang begann, aber auch hin zu dem inneren Wurzelwerk, das einen ausmacht. Und methodisch zurück zu den Schülern im antiken Griechenland, welche sich neue Gedanken auf einem Gang einverleibten. Die alten Griechen wussten um die Kraft der Bewegung mit den Füßen für den produktiven Gedankengang; „peripatein“ gilt seit Platon als Lerntechnik und geistiger „Verdauungsvorgang“ für den Erkenntniszuwachs.2
Ein langer Spaziergang kann Antwortansätze liefern auf die grossen philosophischen Fragen: „Wer bin ich?“ oder „wo will ich hin?“ Peripatetik ist ein Weg zu sich selbst; mit dieser in der Forschung etwas vernachlässigten Schreibstrategie kann man „sich gehend zu sich selbst schreiben – schreibend zu sich selbst gehen“?
Wenn es darum ging, die gewonnenen „Gehdanken“ (Nietzsche: „Nur die ergangenen Gedanken haben Wert“4) festzuhalten und vor dem Vergessen zu bewahren, hat das Schreiben immer schon eine bedeutende Rolle gespielt. Die dafür verwendeten Aufzeichnungsmedien (hypomnemata) haben sich zwar von der Antike (Wachstafeln) bis heute (Notizbücher und digitale Aufzeichnungsmedien) verändert, das Gehen als effektive Methode, um zum Text zu kommen, hat bis heute aber nichts an Attraktivität eingebüßt.5

 

DREI TRADITIONSLINIEN

Dabei können die Peripatetiker von heute an eine lange Tradition anknüpfen. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass wir einige zentrale Werke der Weltliteratur dem Schreibertyp des Peripatetikers verdanken. Und weil die Selbstvergewisserungstechnik der Peripatetik so viele bedeutende Werke hervorgebracht hat, muss es von Interesse sein, auch ihre Traditionslinien bis zu ihren Ursprüngen zu-rück zu verfolgen; dabei lassen sich eine philosophische, eine literarische und eine spirituelle Tradition ausmachen.
Die peripatetische Tradition erneuert sich immer wieder, weil die verschriftlichten Spaziergänge sich jeweils auf frühere Texte beziehen und diese auch (implizit oder explizit) zitieren. Dadurch ent-stand eine lange Stafette in der Literatur, welche von Platons Texten bis zu den Spaziergängertexten des 20. Jahrhunderts und in die Neuzeit reicht.6
Die peripatetische Methode der alten Griechen (als philosophische Lerntechnik) floss in die spiri-tuelle peripatetische Tradition (als Glaubens-Meditation) ein, welche wiederum die moderne Literatur beeinflusst (als Methode, um zum Stoff oder zur Selbsterkenntnis zu kommen). Die drei Traditionen bedingen und befruchten sich also gegenseitig.

„JE LÄNGER DESTO BESSER“

 

Die Motive, weshalb Schreibende gehen, sind unterschiedlich. Ein Spaziergänger, nach dem man hätte die Uhr stellen können, war bekanntlich Immanuel Kant. Täglich nahm er um halb vier Stock und Hut und trat auf die Straße in Königsberg. Kant ging aber nicht primär der philosophischen Erkenntnis wegen, er war ein Anhänger des Gehens um seiner selbst willen: „Wenn man spazieren geht: so ist das Spazierengehen selbst die Absicht, und je länger also der Gang ist, desto angenehmer ist er uns.“7
Die Gleichung „je länger desto besser“ galt auch für den amerikanischen Dichter und Philosophen H. D. Thoreau; er ging täglich mehrere Stunden, um zu sich selbst zu kommen („I come to myself“) und entwarf eine eigene Theorie des Gehens („Walking“).8
Auch Carl Zuckmayer verbrachte an guten Tagen drei bis sechs Stunden auf den Beinen und hielt diese Stunden für seine „tätigsten“, weil sie ihm die „Denk-Tätigkeit gestatten“. In seinen „Die langen Wege“ genannten Betrachtungen schreibt er gar, er könne ohne Zögern sagen, dass er die meiste Zeit seines wachen Lebens mit Gehen verbracht habe: „Mit Gehen, – vielleicht auch mit Denken. Denn das kommt mir fast gleichbedeutend vor.“9 Von Zuckmayer ist überliefert, dass er Serien kleiner Heftchen führte mit der Aufschrift „Im Gehen geboren.“10

 

2.
DIE PHASEN DES „PERIPATEIN“

Aus den Beschreibungen solch langer Gänge, lässt sich auch sehr schön herauslesen, was bei und mit den Peripatetikern geschieht (z.B. aus Robert Walsers „der Spaziergang“11). Henry David Thoreau war sehr explizit, was die positiven Wirkungen des Gehens auf dem philosophischen Pfad anbelangt. In seinem „Journal“ vergleicht er den Effekt des Gehens mit dem. was andere bei einem Kirchgang oder einem Gebet erfahren: „Even in a bleak and, to most, cheerless day, like this, when a villager would be thinking of his inn, I come to myself, I once more feel myself grandly related, and that cold and Solitude are friends of mine. I suppose that this value, in my case, equivalent to wbat otbers get by churchgoing and prayer“’2
Der Aufbau von „Walking“ Thoreaus peripatetischem Konzept, gibt die Abfolge der Stationen des Gehens wieder, wie sie schon Plato angelegt hat: „Thoreau’s choice and arrangement of these stations – ,Walking1, ,Departure‘ ,Knowledge‘ and ,Arrival‘ – follow Plato’s original movement of the peripatein“.xi Ähnliche Einteilungen wie bei Thoreau finden sich bei Zuckmayer oder Walser. Demnach lauten die Phasen des peripatetischen Prozesses:

1. Aufbruch: Das Denken in Gang setzen
2. Gehen: erinnern, durchschreiten und loslassen
3. Erkenntnis: sich selbst erkennen im Wechselspiel zwischen innen und außen
4. Ankunft: die Heimkehr zu sich selbst

 

AUFBRUCH, GEHEN, ERKENNTNIS, ANKUNFT

Von Aufbruch bis Ankunft, vom leeren Blatt bis zum Text – Peripatetik vereint die gesundheitsfördernden, selbstreflexiven und transformierenden Wirkungen der gehenden Bewegung mit jenen des Kreativen und Biografischen Schreibens14. Die beiden Prozesse verstärken, ja potenzieren sich gegenseitig.15 Die Prozesse des Gehens (in seiner „Narrativität“; erzählerischen Kraft) und des Schreibens (in seiner „Itineranz“; dem Unterwegssein in einem offenen Prozess) sind auch eng miteinander verwandt. Dabei locken aber auch noch andere Früchte am Wegrand, wie wir noch sehen werden

 

AUFBRECHEN, UM NEU ZU WERDEN

Der wichtigste Schritt überhaupt, um aus dem Gewohnten, Konventionellen auszubrechen und die gegenwärtige Existenz aufzubrechen, ist der Aufbruch: Ihm kommt die Aufgabe zu, den Prozess in Gang zu setzen. Thomas Bernhard lässt in seinem Buch „Gehen“ seine Protagonisten Sätze sagen wie: „Wenn wir gehen, sagt Oehler, kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung.“ Oder: „Andererseits müssen wir gehen, um denken zu können, sagt Oehler, wie wir denken müssen, um gehen zu können.“16
Wie das genau von statten geht, lässt sich sehr schön bei dem Schriftsteller und Flaneur Paul Nizon nachlesen: „Kaum dass ich spazierengehe, beginnen die Gedanken wieder zu laufen, weil sich über die Augenwege der innere Kreislauf aktiviert. Die Früchte der Augenweide erwecken die Sprachlust, das Formulieren animiert die Gedankensprünge, die Gedanken entwerfen oder schraffieren meine Welt mitsamt deren Hoffnung und Ohnmacht, Weite und Grenzen. Vor allem steht das Existenzwesen wie ein Hampelmann wieder auf aus dem Gossenschlaf und beginnt sich zu regen, zu fragen, sich zu erinnern. Nur im Gehen findet das statt.“17 Am Ende des Prozesses winkt laut Nizon nicht weniger als die „Neuwerdung“18 – ein Ankommen bei sich selbst.

 

3.
DIE SPIRITUELLE TRADITION
DES GEHENS

Peripatetisches SpazierenGehen ist ein Erkundi- gungsGang in unbekannte Gefilde. Nur manchmal ist das Ziel wichtig; beispielsweise bei der Pilgerreise (Jerusalem, Santiago de Compostela – die Erlösung von den Sünden). Die Pilger schrieben über das Beten, Bekennen und Bereuen auf den Stationen ihres Weges, betrieben Selbstbefragung und hielten – neben Beschreibungen der unbekannten Umgebungen, Menschen und ihrer Gebräuche – ihre Selbsterkenntnisse fest. Überlieferte Pilgerberichte legen Zeugnis davon ab.

 

ZURÜCKWANDELN ALS AUCH VORWAGEN AUF DEM LEBENSWEG

Es ist schon auffällig, wie in verschiedenen Religionen und spirituellen Pfaden der Weg zum Heil (oder zu Gott) über eine Abkehr und Umkehr führt, die zu Fuß zu bewältigen ist; in der (christlichen und nichtchristlichen) Pilgerreise zeigen sich die beiden Hauptwirkungen der Peripatetik: die regressive, die ein Erinnern, Sühnen, Verzeihen ist, und die progressive, die hinführt auf ein neues Leben, eine Wiedergeburt im Einklang mit sich selbst oder mit Gott. Peripatetik beinhaltet wie die Pilgerreise sowohl ein Zurückwandeln (erinnern, wiederholen) als auch ein Vorwagen (durcharbeiten, visionieren) auf dem Lebensweg.
Um an den „Kern der Begriffe“ heranzukommen, muss man die Erfahrungen wiederholen, wel-che die Begriffe entstehen liessen. Wenn die Bibel also den Glauben mit Begriffen erklärt wie Auszug, Unterwegssein oder Pilgerschaft, so scheint es sinnvoll, sich selbst auf den Weg zu machen, um diese Begriffe zu verstehen. Die Wandermönche des Mittelalters und einige heute in Klostergemeinschaften lebenden Mönche und Schwestern praktizierten und praktizieren das Gehen auch als Form der Meditation. „Es ist eine Meditation im Leib und mit dem Leib“, schreibt der Benediktinermönch Anselm Grün.
Dahinter verbirgt sich der Leitgedanke, dass die Begriffe häufig in körperlichen Erfahrungen wurzeln, wie sich etwa bei der etymologischen Verwandtschaft von wandeln, wandern und wenden zeigt – wandern und wandeln gehen auf die selbe Wurzel „wenden“ zurück; Wandern heisst sich „wiederholt wenden“, ständige Wandlung. „Es geht beim Wandern um eine innere Wende, um eine Umkehr“. Indem wir wandern, auf verschiedenen Wegen wandeln, wandeln wir uns, wir ändern die Richtung. Das Pilgern und die Gehmeditation sind ein Begreifen von Begriffen mithilfe des Körpers.19

 

VIER METHODEN DER GEHMEDITATION

„In diesem Sinne ist das Gehen ein Versuch, den Glauben einzuüben, sich den Glauben zu ,ergehen“1 2 3 4, so Grün. Er unterscheidet vier Methoden der Gehmeditation, die von alters her überliefert sind. Bezogen auf die Motive und Techniken lassen sie sich wie folgt wiedergeben:

1. Gehen als Selbstzweck: Das bewusste Gehen selbst ist die Meditation, man konzentriert sich auf den Prozess des Gehens, allenfalls in Verbindung mit der Atmung.
2. Gehen mit einem Wort: Gehend wiederholt man ständig ein bestimmtes Wort, das mit dem Gehen zu tun haben kann, um unser Verständnis des Gehens zu vertiefen.
3. Gehen mit einer Geschichte: Man nimmt eine (biblische) Weggeschichte mit auf den Weg, stellt Bezüge zu sich selbst her; man ergeht sich so den Sinn und die Erfahrung dieser Geschichte, erfährt die heilende oder erhellende Wirkung an sich selbst.
4. Gehend nachdenken: Die körperliche Bewegung wird mit einer geistigen Anstrengung verbunden; man denkt aktiv über das nach, was man eigentlich tut. Was sagen die Wege, die wir beschreiten, über unser Leben aus?
Der antiken Übung des peripatein, dem geistigen Verdauungsspaziergang des Rhetorik-Schülers im alten Griechenland, entspricht wohl am ehesten die Kategorie 3: Der Inhalt eines Lehrvortrags wird auf einen Gang mitgenommen, um ihn zu verinnerlichen. Aber auch die anderen Methoden sind Techniken des Sich-Einverleibens eines Stücks von Welt – das Inkorporieren von neu gewonnenen Erkenntnissen.20

 

4.
DIE LITERARISCHE TRADITION
DER PERIPATETIK

 

Interessanterweise haben sich bei den Interviews, die ich mit verschiedenen Schriftstellern geführt habe, diese vier Kategorien als unterschiedliche Motive herauskristallisiert, weshalb Schriftsteller gehen; sie gehen genauso, um voll und ganz das Gehen zu erleben und dabei den Gedankenfluss zu stoppen, um „leer zu werden“ (Franz Hohler), wie sie sich dem Strom des Denkens voll und ganz überlassen wollen, um sinnierend den „inneren Geschichten nachzugehen“ (und sich dabei auf den äußeren Wegen verlaufen wie Emil Zopfi). Sie gehen mit einem Anfangswort für eine Geschichte, einer Einstiegspassage oder einem Titel, oder sie gehen sogar mit den Figuren ihres Dramas und las-sen sie während des Gehens (auf Band) sprechen (Michael Stauffer).21

 

Christian Kaiser - Peripatetik war schon immer ein SchreibenGehen

 

 

WIE MIT DEN FÜSSEN SO MIT DER FEDER

Geh- und Schreibrhythmus bilden in peripatetischen Texten oftmals eine Einheit, die Rhythmik der Körperbewegung, die Monotonie der Schritte, scheint aus vielen Texten – einem Versmaß gleich – hörbar. Niemand hat die Maxime nach einer Einheit von Form und Inhalt so prägnant und simpel formuliert wie Montaigne: „II faut que j’aille de la plume comme des pieds.“22
Montaigne gilt auch als Erfinder der Essayistik. In seinen „essais“ tritt er als Fragender auf, der im philosophischen Sinne nach Antworten sucht, sich diesen gehend und schreibend annähert, ohne letzte Antworten zu finden. Die Entstehung von essayistischen Texten ist für Montaigne untrennbar mit dem Spazieren verbunden, wie auch der Essayist überhaupt „denkt, liest und schreibt wie ein Spaziergänger“.23 Das Umgekehrte gilt ebenso: Der Spaziergänger schreibt meist essayistisch-philosophisch.
Grob lassen sich die peripatetischen Autoren in vier Kategorien einteilen:

1. Die Spazieren Beschreiben was ist, evtl., verknüpfen sie dies assoziierend mit der eigenen inneren Befindlichkeit. – Vertreter: Franz Hohler, Gerhard Meier, Robert Walser, Hermann Hesse, Elizabeth von Arnim, Simone de Beauvoir, Ricarda Huch.
2. Die Philosophieren Brechen auf für einen GedankenGang, halten diesen fest. Das eigene Erleben wird zum Exemplarischen, Allgemeingültigen überhöht. – Vertreter: Friedrich Nietzsche, Jean-Jacques Rousseau, Arthur Schopenhauer, Soren Kierkegaard, Hans Jürgen von der Wense, Anne Cotten.
3. Die Flanieren Der außenstehende Beobachter betrachtet die Stadt als Forschungsgegenstand, um etwas über die Menschen zu erfahren. – Vertreter: Walter Benjamin, Paul Nizon, Marcel Proust, Franz Hessel, Lauren Elkin.
4. Die Feldforscher: Der Forschertrieb führt in neue Gelände, Gefilde, das Ziel ist der Erkenntnisgewinn im Neuland, dazu gehört es auch, mit den Menschen in einen Dialog zu treten und sie zu befragen. – Vertreter: Reiseschriftsteller wie Johann Gottfried Seume, Patrick Leigh Fermor, Wolfgang Büscher, Bruce Chatwin, Virginia Woolf, Rebecca Solnit.

 

PERIPATETISCHE TEXTGATTUNGEN

Als peripatetische Textgattungen gelten können Essay (seit Montaigne), Spaziergängertext (seit Rousseau, Walser), Pilgerbericht als Urform der subjektiven Reisereportage, Weitwanderberichte und Wanderbeschreibungen (Seume, Fontane, Hesse, Büscher), philosophische Betrachtungen (Nietzsche, Kierkegaard, Schopenhauer, Cotten), Traktate über das Gehen (Thoreau, Stevenson, Zuckmayer, Solnit), aber auch fragmentarisch zusammengesetzte Lebenserzählungen (Rousseau, Espedal, Wense), autobiografisch gefärbte Romane von Flaneuren und Stadtgängern (Nizon, Selge), Poesie (Schillers Elegie „Der Spaziergang“ oder Bashos Wanderdichtung) oder Aphorismen (Handke, Hohl).
Die Peripatetik als poetologisches Verfahren kann also die unterschiedlichsten Textgattungen hervorbringen. Die Textsorten des Essays, des Spaziergängertextes oder auch der Reisereportage verdanken ihre Existenz entstehungsgeschichtlich sogar der peripatetischen Schreibmethode; sie wurden von gehenden Schriftstellern auf ihren Gängen ge- und erfunden.

 

5.
DAS PHILOSOPHISCHE VERFAHREN
DER PERIPATETIK

Peripatetik ist zunächst ein „Schreiben mit den Füssen“ ein gehendes sich Annähern an die eigene Lebenswirklichkeit und damit auch eine biografische Schreibtechnik: Peripatetiker nehmen sich selbst (und ihren Gang) als Stoff, sie sind an der Selbsterkenntnis und Weiterentwicklung (Progression) interessiert. Dabei attestieren viele peripatetisch Schreibende ihrer Technik eine große Wirkung für ihr Wohlbefinden, den Erkenntnisgewinn und ihre Transformation. Sie machen ihr Leben zum Dreh- und Angelpunkt ihres Werkes. Der Peripatetiker oder die Peripatetikerin kann darum als Mensch definiert werden, der sich gehend und schreibend seiner selbst und der Welt vergewissert.
GEHEN ALS MOTIV DES SCHREIBENS – SCHREIBEN ALS MOTIV DES GEHENS
Der Begriff Peripatetik steht dabei für die Techniken und Prozesse, welche die Peripatetiker anwen-den, um zu der besagten Selbstvergewisserung und Aneignung von Welt zu gelangen. Peripatetik in diesem Sinne ist also per definitionem immer eine Kombination aus Anteilen der gehenden Bewegung und gleichzeitiger oder anschließender Verschriftlichung der dabei gewonnenen Erkenntnisse. Um unter diese Definition zu fallen, müssen Dichter und Denker also a) selbst gegangen sein und b) auch über ihre dabei gemachten Beobachtungen, Erfahrungen, Erkenntnisse oder über den peripatetischen Prozess selbst geschrieben haben.
Peripatetiker haben das Gehen zum Bestandteil ihres Schreibprozesses gemacht; entweder, weil sie beim Gehen das Motiv (im Sinne von Abbildungsgegenstand) für ihr Schreiben gesucht und/oder gefunden haben oder weil das Schreiben das Motiv (im Sinne von Grund) ihres Gehens war (Motiv von „movere“, lat. bewegen). Vereinfacht gesagt: Sie gehen, um zu schreiben, oder schreiben, weil sie gehen.

 

EIN ANDERER SEIN UND GERADE DARUM SICH SELBST

Peripatetiker haben aber auch die heilsamen, segnenden Wirkungen des peripatetischen Prozesses am eigenen Leib erfahren und suchen diese positiven Effekte darum immer wieder aufs Neue. Und weil das peripatetische Schreiben in der Regel ein essayistisches, philosophisches Schreiben ist, das vom eigenen Erleben ausgeht, haben peripatetische Texte nicht selten auch den Erfahrungs- und Erkenntnisprozess und die durch ihn erfahrene Verwandlung zum Inhalt.
Walsers Spaziergänger spaziert mit der Zeit „wie in einem Innern“: „Ich war nicht mehr ich selber, war ein anderer und doch gerade darum erst recht wieder ich selbst.“24 Wohin Wanderung und Wandlung einen führen können, lässt sich bei Rousseau nachlesen: „Die Quelle des wahren Glücks, so lernte ich durch eigene Erfahrung, liegt in uns selber; und keine Macht der Welt vermag es, jemanden elend zu machen, der glücklich sein will und weiss, wie er es wird. … So erlebte ich auf manchen meiner einsamen Wanderungen Verzückungen, ja Ekstasen.“25
Viele Peripatetiker weisen in ihren Texten auf die (gesundheitsfördernden, Gedanken anregen-den, Fragen klärenden, zur Freiheit führenden, die Persönlichkeit entwickelnden) Wirkungen ihrer Technik hin. Zum Beispiel Kierkegaard: „Ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an, und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen los würde.“26
Insofern verfolgt die Peripatetik durchaus einen Zweck: Peripatetiker sind an der Selbsterkenntnis und -transformation interessiert, auch wenn diese niemals abschließend sein kann, weil die peripatetischen Autoren um die ständige Veränderbarkeit ihres Selbst und der Welt wissen. Die Fragen, die es bei diesem philosophisch-literarischen Verfahren zu klären gilt, werden dabei entweder bewusst auf den Gang mitgenommen oder von außen an einen herangetragen; man tritt in einen Dialog mit der Natur und der Umwelt.

 

6.
GEHEN ALS LEBENSKUNST,
KREATIONSMETHODE, KREATIVITÄTSTECHNIK

Wie die Fülle an peripatetisch erzeugten Hervorbringungen zeigt, ist Peripatetik aber auch eine Kre-ativtechnik. Im Progressiven, Vorausschauenden auf unseren Lebensweg liegt die eigentliche Stärke der Peripatetik: die Phase der Ankunft ist keine statische, sondern eine dynamische mit einem neuen Ausblick; es zeigt sich der nächste Entwicklungsschritt.

Es lässt sich hier ein Unterschied zwischen autobiografischem und biografischem Schreiben feststellen. Autobiografie richtet den Blick nach hinten, biografisches Schreiben überhaupt und peripatetisches Schreiben ganz besonders geht auch nach vorne – von Jetzt aus auf das Kommende zu.
Diese Form der Arbeit an und mit dem biografischen Material ist nicht weniger als eine Methode zur Hervorbringung von Kunst. Welche sich keineswegs auf literarische Erzeugnisse beschränkt.27 Im internationalen Walking Artist Network WAN etwa haben sich Künstlerinnen und Künstler aller Kunstgattungen zusammengeschlossen.28 Ihr gemeinsamer Nenner: Sie gehen als Teil des künstlerischen Prozesses.

Chrisitan Kaiser - Vier Phasen im kreativen Schreiben

 

VIER PHASEN IM KREATIVEN SCHREIBEN

Das kreative Schreiben mit seinen Techniken (etwa der Ecriture Automatique, welche der Surrealist Andre Breton erfunden hat, oder dem Clustering von Gabriele Rico) ist ohnehin eine sehr effiziente Kreativitätstechnik. Das Phasenmodell des kreativen Schreibens29 folgt im Wesentlichen den Phasen der Kreation von Graham Walias von 1926: Vorbereitung, Inkubation, Illumination, Verifikation. Ein Unterschied besteht vor allem in Bezug auf die (1) Vorbereitung: gemäß Walias wird zunächst die Aufgabenstellung formuliert und in alle Richtungen untersucht. Beim Schreiben hingegen kann die Absicht oder Idee auch einfach aus heiterem Himmel kommen: beim Freewriting oder/und Musenküssen etwa ist sie plötzlich da.
Die weiteren Phasen von Walias sind auch dem Schreibprozess bei einem kreativen und biografischen Schreibprozess eigen: (2) Ideen und Kombinationen werden im Unterbewusstsein verinnerlicht und unterbewusst ausgebrütet; Freewriting-Techniken dienen dazu, Vorbewusstes und Unbewusstes hervorzuholen, (3) Illuminationen und plötzliche Ideen führen dann wie von selbst zu einem Lösungsansatz: beim Wiederholen und Durcharbeiten zeigt sich eine Form, welche dann in der letzten Phase des Kreationsprozesses konzentriert und real umgesetzt wird; (4) das Neu-erschaffene wird zu einem Teil des Werks und damit des Künstlers (Verifikation, Integration).

 

DIE WANDLUNGSKRAFT DER NATUR

Eine wichtige Rolle beim peripatetischen Kreations- Prozess spielt auch die Naturbetrachtung, viele Peripatetiker weisen darauf hin (Walser, Thoreau). Auch Jean-Jacques Rousseau hat seine „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“ oftmals von der Beobachtung einer Stimmung oder Begebenheit in der Natur ausgehend entwickelt. Seine philosophischen Selbstbetrachtungen gehen von einem aufgezeichneten Wechselspiel zwischen Außen und Innen aus. Ein Eintrag vom 24. Oktober 1776 zu einem Spaziergang durch die Weinberge und Wiesen in den Außenbezirken von Paris etwa lautet: „Die Fluren – zwar noch grün und einladend, aber zum Teil bereits entlaubt und fast menschenleer-zeigten überall das Bild der Einsamkeit und des nahen Winters. Der Anblick bot eine Mischung aus schönen und traurigen Eindrücken, die meinem Alter und meinem Schicksal so sehr entsprach, dass ich ihn geradezu auf mich beziehen musste.“30
Das „Zurück zur Natur!“ Rousseaus ist eben auch als Aufforderung zu verstehen, zu seiner eigenen Natur zurück zu kehren. Viele nach ihm haben diesen Ruf verstanden: neben Robert Walser, der zum „Naturunterricht und zur Anschauungslehre“ spaziert, um im Freien „die heilige, goldene Belehrung“ zu erfahren.31 Auch Carl Zuckmayer schreibt: „Naturanschauung ist im leiblichen wie im geistigen Sinn Berührung mit dem eigenen, kreatürlichen Wesen.“32
Und wenn wir beim Spazieren die Wandlungskraft der Natur nicht als Hoffnung für uns selbst begriffen, so Zuckmayer, „so könnten wir uns ebenso gut in der grauen Frühe an einen der schwarzen, tausprühenden Bäume hängen und uns von seinem Ungeziefer anknabbern lassen“.33 Der Peripatetiker soll also auch in der Bereitschaft gehen, sich zu wandeln, sich vom Außen verwandeln zu lassen.

 

Christian Kaiser, flussgang: weissblüher grüssen richtung hoek van holland, oberhalb vom Rheinfall bei Flurlingen, 2018

Christian Kaiser, flussgang: weissblüher grüssen richtung hoek van holland, oberhalb vom Rheinfall bei Flurlingen, 2018

 

SCHREIBENGEHEN ALS REISE INS NEULAND

Das genaue Schauen in der Natur und das Sich-In-spirieren-Lassen von der Kreatur in ihr sind meines Erachtens für die Illumination im kreativen Prozess, respektive für das Erkenntnismoment im peripatetischen ganz zentral. Schon der deutsche Dichter und Weitwanderer Johann Gottfried Seume hatte erkannt: „Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr.“34 Entsprechend gewinnt er auch mehr Einsichten und Aussichten. Nicht nur mehr „als wer fährt“ (Seume), sondern auch als all diejenigen, die sitzen bleiben oder an allem vorbei hasten und nichts Neues in den Blick bekommen; und wer mehr, klarer und weiter voraus sieht, hat auch mehr zu schreiben und zu schaffen. Peripatetisches SchreibenGehen heißt über die Begrenztheit des eigenen Horizonts hinausgehen. Eine unsichtbare Grenze trennt das Eigene, bereits Angeeignete vom Neuen, Unbekannten; sie ist eine innere und äußere Schwelle.
SchreibenGehen ist eine Reise ins Neuland, innen und außen, dafür braucht man nicht unbe-dingt in ferne Länder und exotische Destinationen zu reisen, wie dies Reiseschriftsteller seit jeher getan haben. Neues zu entdecken gibt es immer auch im Altbekannten; auf der täglichen Spaziergangsroute, ja im eigenen Zimmer.35

 

SCHREIBENGEHEN ALS ACHTSAMKEITSHALTUNG

Meiner Meinung nach müsste überhaupt mehr gegangen werden: in der Therapie, im Coaching, in der Bildung, in der Forschung, in der Kunst usw. Die grauen Zellen brauchen nicht nur Frischluftzufuhr, sondern auch das Wechselspiel zwischen Innen und Außen. Was uns im Außen „anzupft“ oder berührt, korrespondiert mit unserer inneren Befindlichkeit und umgekehrt. Wenn wir dem nachgehen, können wir weiterkommen. Der Dreiklang Gehen – Denken – Schreiben wird zum (selbst-)produktiven Prinzip, zu einer Kreationsmethode, die auch an unserem Lebensentwurf (vor sich hin) arbeitet.
Peripatetik wird so zu einem Instrument der Lebenskunst; wir denken unseren Lebensentwurf durch und stetig neu und schreiben so zugleich unsere Lebensgeschichte – mit Füßen, Stiften, Tastaturen. Rückwärts (erinnernd, reflektierend), aber vor allem auch vorwärts, indem wir uns über die nächsten Schritte klar werden. Oder uns auch einfach öffnen und empfänglich machen für Inspiration.
Welcher Künstler kennt den Zustand der Überfülle nicht, wo zu viele Eindrücke auf Ausdruck drängen? Das SchreibenGehen beinhaltet auch ein Element des Leerens, wo sich in der Leere das wirklich Wichtige, Drängende sortieren und zeigen kann. Darin liegt der Kern einer neuen Peripatetik, die an eine uralte Tradition anknüpft – sie ist eine Achtsamkeitshaltung gegenüber dem Leben, unserem eigenen und allen Lebewesen gegenüber.

ihr wählt ja sowieso nicht
BERLIN KREUZBERG

im zimmer 19 grüsst mich rousseau
von der wand ich weiß nicht woher
ich komme ich weiß nicht wohin
ich fahre ah das passt ja hier im
hotel hält mich nichts mein gepäck
liegt sowieso noch am falschen
flughafen also raus ins getümmel
und wieder rein in die berlinische
galerie ungehorsam ist des mannes
höchste tugend spricht dort meister
oscar wilde von einer höheren und
weißeren wand zitiert von einer trau
notabene nebenan ein gewisser
kassak der behauptet das bild bin
ich und ich bin das bild und
schaffen sei alles ich will mich
erholen von all den lästigen sinn-
und unsinnsprüchen von
fingerzeigen der moralischen und
unmoralischen art von zaunpfahlwinken und
garagentoreinfahrten für ein
besseres selbst setz mich ins cafe
und während ich den rohrzucker
einrühr in den ristretto verkündet
am nebentisch ein junger bayer mit
baseballcap
das leben mit baby ist schon super
davor habe ich mir das leben mit baby
nicht vorstellen können jetzt kann ich es
mir ohne nicht mehr vorstellen da sind
wir aber froh mein lieber mann es ist
das cafe heimatlos genau vor mir ein
plakat das mich unentwegt anglotzt und
aus mir spricht und mit mir wieso hänge
ich hier ihr wählt ja sowieso nicht was
soll ich wählen und wen wieso darf ich
nicht einfach hier hängen ich bin ein
wandelndes fragezeichen das sitzt und
auf antworten wartet wohl wissend dass
sie nicht kommen nie wenn man nicht
auf sie zugeht da will eine frau meinen
tisch ich springe auf sage hastig ich bin
schon weg ich bin dann mal weg grinst
sie mir hinterher doch wohin bin ich
weg vielleicht an die spree den
müggelsee oder die see irgendwohin wo
mich die füsse hintragen für eine
katzenwäsche

Quelle: Christian Kaiser: BorkenKäferFrassSpuren – Ausflüge in die Zeichenflora und Sprachfauna

 

ANMERKUNGEN
1 Carl Zuckmayer: Die langen Wege, Frankfurt a.M./ Leipzig 1920/1996, S.264f.
2 Vgl. Moser 2010: Mobilmachung des Geschriebenen: Das hypomnema als portable medium in der antiken Selbstkultur, in: Stingelin/Thiele (Hrsg.): Portable Media. Schreibszenen in Bewegung zwischen Peripatetik und Mobiltelefon, München, 2010 S.51-70.
3 Vgl. Christian Kaiser: Sich gehend zu sich selbst schreiben – schreibend zu sich selbst gehen, in: S. Heimes, R Rechenberg-Winter, R. Haußmann (Hrsg.): Praxisfelder des kreativen und therapeutischen Schreibens, Göttingen 2013, S.200-216.
4 Zit. nach Knecht/Stelzenberger (Hrsg.): Die Kunst des Wanderns, München 2010, S.209.
5 Vgl. Stingelin/Thiele (Hrsg.): Portable Media, München 2010.
6 Vgl. Wellmann: Der Spaziergang. Stationen eines poetischen Codes, Würzburg 1991.
7 Kurt Wölfel: Geh aus mein Herz, in: Gellhaus/ Moser/Schneider (Hrsg.): Kopflandschaften – Landschafts¬gänge, Köln/Weimar/Wien 2007, S.30-50, hier S.30.
8 H. D. Thoreau: Walking. http://thoreau.eserver.org/ walking.html (Originaltext [1862], abgerufen 2011)
9 Carl Zuckmayer: a.a.O., S.260.
10 Ebd., S.263.
11 Robert Walser: Der Spaziergang, Zürich 1967 (Urfassung).
12 Thoreau: a.a.O., S.3; Hervorhebungen von C. K.
13 Keck: Walking in the Wilderness. The Peripatetic Tradi¬tion in Nineteenth-Century American Literature and Painting, Heidelberg 2006, S.22.
14 Vgl. u.a. von Werder: Erinnern, wiederholen, durch¬arbeiten. Die eigene Lebensgeschichte kreativ schreiben. Berlin 2009 – Heimes: Kreatives und therapeutisches Schreiben. Ein Arbeitsbuch, Göttingen 2009 – Pennebaker: Heilung durch Schreiben. Ein Arbeitsbuch zur Selbsthilfe. Bern 2009.
15 Vgl. Christian Kaiser: Sich gehend zu sich selbst schreiben – schreibend zu sich selbst gehen. Von der Narrativität des Gehens und der Itineranz des Schreibens: Peripatetik als Weg zu sich selbst, Masterarbeit, Berlin 2011.
16 Thomas Bernhard: Gehen, Frankfurt a.M. 1971, S.85.
17 Paul Nizon: Am Schreiben gehen. Frankfurter Vor¬lesungen, Frankfurt a.M. 1985, S.122 f.
18 Ebd., S.46.
19 Grün: Auf dem Wege, Münsterschwarzach 2008, S. lOff.
20 Vgl. Kaiser: Exkurs Schreibtypologie, in: Heimes/ Rechenberg-Winter/Haussmann (Hrsg.): a.a.O., S.164-174.
21 Vgl. Christian Kaiser: Sich gehend zu sich selbst schreiben – schreibend zu sich selbst gehen. Von der Narrativität des Gehens und der Itineranz des Schreibens: Peripatetik als Weg zu sich selbst, Masterarbeit, Berlin 2011, Interviews im Anhang.
22 Montaigne: Les Essais, Bd. 3, Paris 1580-1588/1999, S.991.
23 Moser u. Schneider: Zur Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs, in: Gellhaus/Schneider: Kopflandschaften, Wien 2007, S.17.
24 Robert Walser: Der Spaziergang, Zürich 1967, S.104.
25 Jean-Jacques Rousseau: Träumereien eines einsamen Spaziergängers, Stuttgart 2003, S. 20.
26 Zit. nach Knecht/Stolzenberger (Hrsg.): Die Kunst des Wanderns, München 2010, S.119.
27 Vgl. Kunz/Steiner/Zweifel: Solo Walks, Zürich 2016.
28 http://www.walkingartistsnetwork.org/
29 Vgl. von Werder und Heimes, wie in Fussnote 14.
30 Jean-Jacques Rousseau: Träumereien eines einsamen Spaziergängers, Stuttgart 2003, S.22.
31 Walser, a.a.O., S.92f.
32 Zuckmayer, a.a.O., S.304. Weiter heisst es da: „… und Verehrung des unberührbaren, unbegreiflichen Schöpferwesens“.
33 Ebd., S.320.
34 Seume: Aus meiner Welt. Ein Spaziergang, München 2010, S.97.
35 Vgl. Xavier de Maistre: Die Reise um mein Zimmer, Berlin 2011, franz. Original von 1795.

Christian Kaiser

Christian Kaiser GehDichter

Christian Kaiser

Der „Gehdichter“ Christian Kaiser fühlt sich Borkenkäferarten wie Buchdruckern und Kupferstechern verwandt – weil sie Zeichensetzer sind und ihre Gänge abbilden wie er: Der illustrierte Gedichtband BorkenKäferFrassSpuren – Ausflüge in die Zeichenflora und Sprachfauna eines Gehdichters hat ihm 2018 eine Einladung an die 40. Solothurner Literaturtage eingetragen. Von seinen Gängen bringt er Lyrisches mit und verarbeitet das Gefundene zu Kunstbüchern in limitierter Auflage: So entstehen Kleinformate wie der „TripTriptychon“ (mit 3 Polaroid-Fotos, siehe Seiten 120/121, 124/125), der „Repoleporello – die andere Reportasche“ oder der „Lyrik- Kick – das fotografische EinGedichtBuch“.
Christian Kaiser lebt als freischaffender Autor, Künstler und Dozent für biografisches Schreiben und Peripatetik in Winterthur (Schweiz). Er studierte Internationale Beziehungen (St. Gallen 1995) und Kreatives und Biografisches Schreiben (Berlin 2011). Dazwischen: Journalismus-Ausbildung, Bildungsgang Literarisches Schreiben (EB Zürich) und Schreibstationen als Redaktor, Ressort- und Redaktionsleiter bei verschiedenen Magazinen. Verschiedene Lesungen im In- und Ausland. Ausstellungen von manuellen Drucken, Kunst- Büchern und Poesie-Plakaten in Winterthur, Uster und Zürich. www.silbenbilder.ch – Portrait: Philipp Baer

 

 

 

 

 

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Corona-Schutzkonzept

Wir freuen uns über die erfreuliche Entwicklung, wobei dennoch einige Massnahmen nötig bleiben:

  • Einlass einzeln oder zu zweit, oder, wenn der Abstand von 1.5 Metern (laut neuen Bundesratsweisungen vom 19. Juni 2020) nicht eingehalten werden kann:  Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes

Sollten Sie keine Maske dabeihaben, erhalten Sie eine zum Preis von CHF 1 vor Ort.

Das Schutzkonzept kann jederzeit geändert werden.
Der Zugang ist leider nicht barrierefrei.

Einladung zum Bad!

Baden in der Kunst! Kunstschaffende bespielen diesen Raum, in direkter Nachbarschaft einer Badewanne, einer Duschkabine, einer Toilette und eines Lavabos.

Das Bad ist kein neutraler Ort und dieses Bad im Speziellen kein White Cube: eingebunden in einem klassizistischen Bau aus dem Jahr 1882, wobei sein Linoleumboden mit dem schwarz-weissen Rautenmuster, seine hell gestrichenen Wände und seine blauen Kacheln die Geschichte des umgebauten Haus-Innenlebens erzählen.

 

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